SYMPOSIUM
Forschung trifft Praxis

 

Hier wollen wir die beiden Welten miteinander ins Gespräch bringen. Überprüfen Sie gemeinsam mit einem Duo aus Forschung und Praxis in Person von Prof. Dr. Cornelia Exner (Universität Leipzig) und Dr. Gregor Peikert (OPK-Präsident) Erkenntnisse aus der Forschung auf ihre Praxistauglichkeit.

Forschung trifft Praxis: Wir müssen reden!

Wenn Forschung und Praxis miteinander ins Gespräch kommen sollen, befürchten wir ein Krisengespräch. Das Verhältnis von Forschung und Praxis in der Psychotherapie ist schwierig. Einerseits finden viele Erkenntnisse aus der Forschung keinen Eingang in die praktische Tätigkeit. Andererseits besteht durchaus der Bedarf an einer versorgungsnahen Forschung und umsetzbaren Erkenntnissen.

Wir wollen mit dem Symposium „Forschung trifft Praxis“ dazu beitragen, die Krise zu überwinden und eine Möglichkeit zum Austausch zwischen Kollegen aus der Forschung an den Hochschulen und praktisch tätigen Kollegen bieten. Im Symposium werden aktuelle Forschungsthemen an den Hochschulen im OPK-Gebiet unter dem Gesichtspunkt ihrer „Praxistauglichkeit“ vorgestellt und diskutiert. Fragen, Input und Anregungen sind ausdrücklich erwünscht, um einen Schritt in Richtung stärkerer kollegialer Vernetzung zu gehen.

Es erwarten Sie Kurzvorträge zu vielfältigen Themen aus Grundlagen-, Versorgungs- und Anwendungsforschung. Gemeinsam soll die Bedeutung der Forschungserkenntnisse für die Praxis diskutiert werden.

Warum kommen Psychotherapien nicht zustande?
Prof. Dr. Hans-Joachim Hannich

Trotz verbesserter psychotherapeutischer Versorgungsstruktur besteht nach wie vor das Problem des eingeschränkten Zugangs von Patienten zur Psychotherapie. Mehr als die Hälfte der Patienten mit einer Indikationsstellung zur Behandlung wird von den Psychotherapeuten weiterverwiesen. Die Gründe für die Ab- und Weiterverweisungen bei Therapieanfragen sind als Teil einer OPK-Versorgungsstudie eruiert worden. Die Ergebnisse dazu werden vor- und zur Diskussion gestellt.  Die Kenntnis um die Selektionskriterien für oder gegen die Aufnahme einer Therapie ist wichtig, damit nicht gerade besonders therapiebedürftige Patienten mit unsicherer Prognose aus dem psychotherapeutischen Versorgungsnetz herausfallen.

Wie Gruppentherapie-Angebote die Wartezeitproblematik mindern – das Beispiel Verhaltensaktivierung
Prof. Dr. Jürgen Hoyer

Seit 2013 bietet die Institutsambulanz und Tagesklinik für Psychotherapie der TU Dresden für Patienten mit unipolarer Depression manualisierte Gruppentherapie an. Die geschlossenen Gruppen nutzen den Ansatz der Verhaltensaktivierung (Hoyer & Vogel, 2018; Hoyer &
Krämer, in Druck) und starten regelmäßig alle 8 Wochen. Inzwischen liegen Verlaufsdaten von ca. 200 Patienten vor, die dieses Angebot durchlaufen haben. Wir analysieren, wie stark die Patienten ihre Aktivitäten steigern konnten, wie stark die Depression gesunken ist und ob eine nachfolgende Einzeltherapie nötig war. Außerdem vergleichen wir die Gruppentherapiepatienten mit solchen, die ausschließlich einzeltherapeutisch behandelt wurden, im Hinblick auf die Wartezeit, den Behandlungserfolg und die Gesamtbehandlungsdauer.

Metakognitive Strategien in der Therapie von Zwangsstörungen
Prof. Dr. Cornelia Exner

Kognitive Verhaltenstherapie, insbesondere Exposition mit Reaktionsverhinderung (ERP), ist das empfohlene Behandlungsverfahren bei Zwangsstörungen. Allerdings stellen die notwendigen Expositionsübungen eine große Hürde für Patienten (und teilweise auch für Therapeuten) dar. Auch nach erfolgreicher ERP leiden viele Patienten unter Restsymptomatik oder Rückfällen. Die metakognitive Therapie (MCT) bietet eine alternative Behandlungsstrategie an, die ohne lange Expositionsübungen auszukommen scheint. Zur Wirkung von MCT bei Zwangsstörungen gibt es aber bisher nur einzelne Fallstudien; kontrollierte Studien fehlen. Im ersten Teil des Vortrages werden zunächst metakognitive Störungsmodelle und Behandlungsstrategien anhand von Fallbeispielen vorgestellt. Der metakognitive Ansatz stellt die Veränderung von metakognitiven Annahmen und Kontrollprozessen in den Mittelpunkt der Behandlung. Dazu wurden spezielle Therapietechniken entwickelt, um Patienten eine Distanzierung von eigenen Gedanken zu ermöglichen (z.B. Losgelöste Achtsamkeit). Bekannte Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie, wie kognitive Umstrukturierung und Verhaltensexperimente werden in veränderter Art eingesetzt, um dysfunktionale Annahmen über die Bedeutung von Gedanken und mentalen Vorstellungen aufzudecken und in Frage zu stellen. Im zweiten Teil des Vortrages werden empirische Befunde zur Wirksamkeit des neuen Verfahrens anhand einer Pilotstudie vorgestellt. In dieser Studie wurde die Wirksamkeit von MCT mit ERP bei 36 ambulante Patienten mit Zwangsstörung verglichen. In beiden Behandlungsbedingungen gingen die Zwangssymptome signifikant und in vergleichbarem Ausmaß zurück. MCT benötigte dafür allerdings eine kürzere Therapiezeit. Die Ergebnisse zeigen, dass metakognitive Strategien eine Alternative oder Ergänzung zum erfolgreichen kognitiv-behavioralen Behandlungsansatz bei Zwangsstörungen darstellen können. Weitere kontrollierte Behandlungsstudien sind aber erforderlich, um die Wirksamkeit zu betätigen. Bisher wissen wir nicht, welche Patienten eher von metakognitiven Strategien oder Expositionsübungen profitieren und ob auch eine Kombination beider Verfahren sinnvoll ist. Der Vortrag ist für Teilnehmer mit unterschiedlicher klinischer Vorerfahrung geeignet.

Aktuelle Forschungsergebnisse zur Expositionstherapie bei Angststörungen: Wie sollte die Behandlung durchgeführt werden?
Prof. Dr. Alfons Hamm

Beim Lesen zahlreicher Anträge auf Psychotherapie zur Behandlung von Angststörungen stoße ich bei Kolleginnen und Kollegen immer noch auf die Vorliebe für die Zweifaktorentheorie von Angst und Vermeidung und bei den Wirkfaktoren der Expositionstherapie wird häufig auf das Habituationsmodell rekuriert. Daher wird auch in der Praxis der Expositionstherapie häufig auf die Steigerung der Angst wert gelegt (Idee des floodings). Ich möchte in dem Vortrag für ein anderes Modell werben und daraus Implikationen für die Expositionsbehandlung ableiten: Vermeidung als Risikoabschätzung zu einem frühen Zeitpunkt der defensiven Kaskade (ein Agoraphobiker fürchtet sich ja nicht vor dem Bus – sondern der Bus ist ein Kontext, in dem etwas bedrohliches passieren könnte).

Psychotherapeutische Unterstützung für pflegende Angehörige
Prof. Dr. Gabriele Wilz

Überwiegend betreuen Angehörige die 1,8 Millionen zu Hause lebenden pflegebedürftigen Menschen. Da die Übernahme der Pflegerolle mit belastenden Anforderungen und Lebensveränderungen verbunden ist, die oftmals zu einer andauernden psychischen Überlastung führen, kann psychotherapeutische Unterstützung von pflegenden Angehörigen sinnvoll und nötig sein. Der Vortrag gibt einen Überblick über zentrale motivationale, emotionale und krankheitsspezifische Herausforderungen von pflegenden Angehörigen und stellt Modelle der Pflegebelastung sowie der Bewältigung der Pflegesituation vor. Praxisnah werden therapeutische Unterstützungskonzepte und der Umgang mit häufigen therapeutischen Themen (z.B. die Pflegemotivation, Rollenanpassung, belastende Emotionen, Grenzen der häuslichen Pflege) erläutert.

TBA
Dr. phil. Lars White

Neue Forschungsergebnisse zu kognitiven Prozessen bei Kindern mit Sozialer Angststörung und Implikationen für die psychotherapeutische Praxis
Prof. Dr. Julian Schmitz

Die Soziale Angststörung gehört zu den häufigsten Störungen im Kindes- und Jugendalter. Forschungsstudien zeigen, dass die große Mehrzahl aller Erkrankungsfälle in dieser Altersgruppe beginnt. Während Störungsmodelle und Befunde an Erwachsenen dysfunktionalen kognitiven Prozessen eine zentrale Rolle bei der Störungsaufrechterhaltung einräumen, ist noch wenig zu kognitiven Prozessen bei Kindern bekannt. Zudem existieren bisher wenige wissenschaftlich evaluierte Behandlungstechniken für die psychotherapeutische Intervention kindlicher maladaptiver kognitive Prozesse. Im Vortrag werden neue Erkenntnisse zu komplexen kognitiven Prozessen bei Kindern mit Sozialer Angststörung vorgestellt und Implikationen für die psychotherapeutische Behandlung dieser Störungskomponenten diskutiert.

Reden wir darüber?! Suizidprävention mit Kindern und Jugendlichen
Prof. Dr. Susanne Knappe

Die Zahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die durch Suizid versterben, ist weiter unverändert hoch. Bei mindestens 10% der Schüler zwischen 14 und 17 Jahren ist von einem Hilfebedarf auszugehen anlässlich Suizidgedanken, -wünschen, -handlungen, oder -versuchen. Ihnen stehen eine Vielzahl von Versorgungsmöglichkeiten zur Verfügung, doch das Wissen darüber, welche Anlaufstellen existieren und welche Angebote vorgehalten werden, variiert erheblich. Das Netzwerk für Suizidprävention hat daher ein universelles Präventionsprogramm zur Förderung der Inanspruchnahme und zur Verbesserung der psychischen Gesundheitskompetenz für Dresdner Schüler ab dem 12. Lebensjahr entwickelt. Wir stellen die Ergebnisse vor und sind neugierig auf den anregenden Austausch mit Kolleginnen und Kollegen!